Schnitzlers Nachlass Teil 1






Zur Geschichte des Nachlasses

Schnitzler verwahrte seine ganzen literarischen Materialien zu Lebzeiten in seinem Haus in der Sternwartestraße 71 in Wien, lediglich die Tagebücher hatte er in einem Banksafe deponiert. Zum Nachlass gehörten in der Hauptsache unzählige Blätter textgenetischen Materials zu veröffentlichten Werken, Manuskripte unveröffentlichter Arbeiten, eine umfangreiche Sammlung von Zeitungsausschnitten, die Schnitzler oder seine Werke thematisierten, sowie unzählige Briefe an und von Schnitzler. Er selbst war es, der das Material sortierte und in die nummerierten Mappen einordnete, in denen die Originale bis heute belassen wurden.

Nach Schnitzlers Tod im Oktober 1931 wurde der Nachlass in Schnitzlers Haus belassen und dort in den folgenden Jahren einzelnen Literaturwissenschaftlern zugängig gemacht. Einer davon war Eric A. Blackall, der sich eben zu der Zeit in Wien befand, als im Frühjahr 1938 der Einmarsch der Nazis erfolgte. Der Nachlass des Juden Schnitzlers geriet dadurch in akute Gefahr, ebenso wie dessen Bücher der Vernichtung anheimzufallen. Mit Hilfe der Britischen Botschaft in Wien gelang es Blackall, zunächst den Raum, in dem der Nachlass verwahrt wurde, zu versiegeln, um diesen sodann nach England überführen zu lassen, wo er seither von der Universitätsbibliothek Cambridge verwahrt wird.

Die Tagebücher, Briefe sowie eine Reihe weiterer Dokumente wurden von Schnitzlers Sohn Heinrich zunächst von Österreich nach England gerettet und kurz darauf in die USA gebracht, wo sie bis zu Heinrichs Rückkehr nach Wien im Jahre 1957 blieben. Weitere private Dokumente Schnitzlers sowie wenige Werk-Manuskripte blieben im Besitz von Schnitzlers geschiedener Frau Olga, die diese zunächst ebenfalls in die USA und nach dem Krieg nach Lugano brachte. Nach ihrem Tod ging dieses Material in den Besitz ihres Sohnes Heinrich über, der im Nachlassverzeichnis des Schnitzler-Archivs in Freiburg, erstellt von Gerhard Neumann und Jutta Müller, auf den Seiten 149-188 eine vollständige Auflistung des gesamten Materials bietet, das er in seinem Haus in der Sternwartestraße 56 - unter nicht ganz idealen Lagerungsmöglichkeiten - verwahrte. Nach Heinrichs Tod wurde der Wiener Nachlass im Jahre 1984 ins Deutsche Literaturarchiv in Marbach am Neckar überführt, wo er sich seither befindet.

Zwischenzeitlich waren vom Cambridger Nachlass Mikrofilmkopien angefertigt worden. Der Grund für die Vervielfältigung lag vermutlich darin, dass Heinrich Schnitzler den Nachlass gerne in die USA überführt hätte, wo er nach eigenen Aussagen sowohl die besseren Archivierungsvoraussetzungen als auch die besten Forschungsmöglichkeiten sah. Die Universität Cambridge weigerte sich jedoch, den Nachlass wieder herauszugeben (was von Olga Schnitzler unterstützt wurde, die sich damit dankbar für die Rettung des Nachlasses zeigte), woraufhin Heinrich Schnitzler die Entscheidung für die Vervielfältigung traf.

Von den in Cambridge lagernden 257 Mappen wurden jedoch nur 247 Mappen auf 38 Mikrofilmrollen verfilmt - ein Umstand, auf den in der Literatur bislang nicht weiter eingegangen wurde. Wie es dazu kam, ist unklar. Sicher ist jedoch, dass die Mikrofilmkopien nicht den vollständigen Cambridger Nachlass wiedergeben, u.a. fehlt Material zu einigen Werken sowie ein Teil seiner Aphorismen. Von den vier Kopien ging eine an Heinrich Schnitzler, eine an die University of California in Los Angeles, wo Heinrich Schnitzler während seiner Exiljahre tätig war, eine an die Binghamton Universitiy in New York, den Sitz der "International Arthur Schnitzler Research Assossiation", und eine an die Universität Freiburg im Breisgau, genauer gesagt an den dort tätigen Professor Gerhart Baumann. Hier wurde Ende der 60er Jahre in einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekt ein Kopienarchiv ins Leben gerufen und das besagte Nachlassverzeichnis von Neumann/Müller erstellt. Die von Schnitzler festgelegte Anordnung in Mappen wurde dabei teilweise aufgelöst und das Material thematisch neu geordnet. Da die alten Mappennummern aber dennoch aufgeführt werden, gilt das Verzeichnis bis heute als Standard-Findbuch auch für den Cambridger Nachlass.

Darüber hinaus wurde vor wenigen Jahren ein von der Volkswagenstiftung gefördertes Gemeinschaftsprojekt von Marbach und Cambridge zur Erschließung des Nachlasses abgeschlossen. In der Marbacher Datenbank Kallías lässt sich neben dem Marbacher Bestand nun also auch der Cambridger Schnitzler-Nachlass recherchieren, allerdings wurde versäumt, dieses Material ausdrücklich zu kennzeichnen - lediglich ein Großbuchstabe vor der Mappennummer verrät den externen Verwahrungsort.

1965 wurden zudem Teile des Wiener Nachlasses auf Mikrofilm festgehalten und Kopien davon an die obigen Einrichtungen geschickt. Mittlerweile verfügt auch die Arthur-Schnitzler-Gesellschaft in Wien sowie die Österreichische Akademie der Wissenschaften (Kommission für literarische Gebrauchsformen) über Teile des Nachlasses auf Mikrofilm.

Neben den beiden heutigen Hauptverwahrungsorten Cambridge und Marbach gibt es zahlreiche andere Archive und Bibliotheken, in denen sich textgenetische Materialien zu Schnitzlers Werken oder Briefe befinden. Letztere sind in der Regel Bestandteil des Nachlässen von Personen, mit denen Schnitzler einst in Briefkontakt gestanden hatte. Werkmanuskripte, die sich ebenfalls vereinzelt finden, haben dagegen unterschiedliche Wege genommen, meist waren sie von Schnitzler selbst oder später von Heinrich verschenkt worden, aber auch ungeklärte Erwerbsfälle sind darunter.

Ein solcher ist der Fall des "Reigen"-Manuskripts, das sich heute in der Fondation Martin Bodmer in Genf befindet. Wie es dorthin gelangte, ist nicht klar. Olga Schnitzler hatte zwar nach 1938 erwogen, das Manuskript neben einigen anderen zu veräußern, doch wahrscheinlich wurde nichts aus diesem Plan. Wie es schließlich in den Besitz von Erwin Rosenthal kam, von dem es die Fondation im Jahre 1956 erwarb, ist nicht bekannt.

Ein Fall von Schenkung liegt dagegen bei dem Manuskript von "Der Ruf des Lebens" vor, das Schnitzler dem passionierten Autographensammler Stefan Zweig geschenkt hatte, der das Manuskript binden ließ und es zusammen mit seiner Sammlung dem Österreichischen Theatermuseum in Wien überließ, bevor er selbst emigrieren musste.

Bei dem "Liebelei"-Manuskript, das heute in der Handschriftenabteilung der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien verwahrt wird, handelt es sich um eine Schenkung an Schnitzlers Ex-Frau Olga. Es ist eines der Manuskripte, die sie veräußern wollte. Letztendlich blieb es jedoch in ihrem Besitz und wurde nach ihrem Tod der ÖNB durch Heinrich Schnitzler übergeben.

Im Fall des "Paracelsus"-Manuskript war es ebenfalls Heinrich Schnitzler, der es der Jewish National & University Library schenkte.

Schnitzlers Sammlung von 21.000 Zeitungsartikel wurde 1947 H. B. Garland, Professor an der University of Exeter, von Olga Schnitzler überlassen. Nach seinem Tod ging die Sammlung aus dessen Besitz in den der Universität über, wo sie seither verwahrt wird. Heinrich Schnitzler zufolge soll die Sammlung ursprünglich etwa 50.000 Artikel umfasst haben, der restliche Teil gilt bis heute als verschollen.

In der Regel fertigte Heinrich Schnitzler Kopien an, bevor er ein Dokument aus den Händen gab, so geschehen auch im Fall des berühmten "Ersten Einfalls" zu "Liebelei", von dem sich in Marbach nur ein Faksimile befindet. Das Original ist - neben ein paar persönlichen Erinnerungsstücken an Schnitzler - noch immer im Besitz der Familie, allerdings handelt es sich dabei wohl um das einzige textgenetische Dokument, das nicht öffentlich zugängig ist.

Nachlassverwalter ist Schnitzlers in den USA lebender Enkelsohn Peter Schnitzler.



Schnitzlers Nachlass Teil II: Verwahrungsorte

Kurze Bibliographie zu Schnitzlers Nachlass

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